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Boris Becker im Interview: “Die Umarmung in Deutschland war manchmal zu fest – ich habe keine Luft mehr bekommen.”
Frage: Boris, Du warst sportlich viele Male hier in Hamburg zu Gast, warst auch Chairman dieses Turniers, kennst den Hamburger Rothenbaum in- und auswendig. Was kommt...
21 Mai 2025
Frage: Boris, Du warst sportlich viele Male hier in Hamburg zu Gast, warst auch Chairman dieses Turniers, kennst den Hamburger Rothenbaum in- und auswendig. Was kommt dir als erstes in den Kopf, wenn du an dieses Turnier denkst, an Hamburg?
Becker: Ich habe ja zu der Zeit gespielt, als das Turnier noch Anfang Mai stattfand, sozusagen im Konzert der ganz großen Turniere der Masters Series. Mein erstes Mal in Hamburg im Hauptfeld war 1984 – habe ich ein paar Freunden vorhin im Auto erzählt, da waren die beiden noch nicht geboren, da habe ich schon Tennis gespielt. Ich habe das Doppelturnier sogar einmal gewonnen, im Einzel war ich im Finale, im Halbfinale – für den Sieg hat’s nicht gereicht, aber ich war immer gerne hier als Spieler. Und dann war ich im Namen des Deutschen Tennisbunds fünf Jahre der Chairman des Turniers, was mir auch großen Spaß gemacht hat. Mit Hamburg verbinde ich also sehr viel. Ich habe mich auch mit jemand in der Players Lounge angefreundet, sie hieß Karen – deswegen war ich dann auch häufiger privat in Hamburg. Ich verbinde eigentlich nur gute Gefühle mit dieser Stadt.
Frage: Ich erinnere mich – du hast ihn gerade schon angesprochen – an ein Finale gegen Juan Aguilera. Ich habe heute noch mit einer bekannten Fotografin gesprochen, die sich an unglaubliche Rallyes erinnert – minutenlang. Tennis hat sich verändert – taktisch, technisch, physisch. Wo würdest du sagen, hat es sich am meisten verändert?
Becker: Juan ist ja leider verstorben nach langer Krankheit, und ich denke immer wieder gerne an ihn zurück. Ich habe im Nachhinein gerne gegen ihn verloren.
Tennis hat sich verändert – die Spieler spielen heute viel mehr von der Grundlinie als wir früher. Dadurch hat die Körperlichkeit zugenommen. Aber ich würde meine Generation nicht als unfit bezeichnen. Ich glaube, der Fokus liegt heute sehr stark auf Konditionstraining, auf Trainingsarbeit neben dem Platz. Wir haben früher mehr Tennis gespielt, Einzel und Doppel. Aber alles geht mit der Zeit. Ich bin stolz, wie wir gespielt haben, und ich bin ein großer Fan vom heutigen Tennis. Alles zu seiner Zeit (lacht).
Frage: Vielleicht schaust du später noch mal vorbei auf dem Exhibition Court – derzeit spielt Justin Engel auf der großen Bühne. Er ist 17, es gibt einen kleinen Hype hier in Hamburg. Mit 17 hast du bereits Wimbledon gewonnen, Sascha Zverev war Halbfinalist in dem Alter – was braucht es für Justin, um den nächsten Schritt zu machen?
Becker: Er hat ein sehr professionelles Umfeld – mit seinem Vater, seinem Trainer Philipp Kohlschreiber und der Agentur SPORTFIVE, die hier in Hamburg sitzt. Das ist schon mal die halbe Miete. Aber letztendlich liegt’s am Spieler: Wie weit will er gehen? Welchen Preis ist er bereit zu zahlen, um weiterzukommen? Tennis ist ein Einzelsport, das ist gut und schlecht zugleich. An guten Tagen fühlst du dich wie der König, weil du besser bist als der andere. Ich würde nicht sagen, dass es heute schwerer oder leichter ist. Aber ich habe den Eindruck, dass sich Spieler heute etwas später entwickeln. Früher gab’s mehrere Grand-Slam-Sieger als Teenager – ich war nicht der Einzige. Heute kann man so mit 22, 23 erkennen, wohin die Reise geht.
Frage: Du kennst Philipp Kohlschreiber gut – wie bewertest du die Zusammenarbeit zwischen ihm und Justin? Das sieht sehr innig aus, Spieler und Trainer scheinen sich gut zu verstehen.
Becker: Ja, das ist wichtig. Der Spieler muss einen engen Bezug zu seinem Trainer haben. Man braucht Vertrauen, muss aber auch zuhören – auch, wenn man nicht sofort versteht, was der Trainer meint. Einfach mal darauf hören, und in einem halben Jahr verstehst du es vielleicht. Mir war es immer wichtig, die richtigen Trainer zu haben – und das sehen alle Topspieler so. Ich glaube, Philipp ist ein absoluter Experte, war selbst Weltklassespieler. Das ist eine sehr interessante Kombination, die erfolgreich werden kann.
Frage: Du kennst viele Nachwuchsspieler, hast auch für den DTB gearbeitet. Wo hakt es gerade ein bisschen im deutschen Tennis?
Becker: Klar, es gibt Sascha, es gibt Diego Dedura und Justin Engel. Aber manchmal hat man das Gefühl, dass dahinter nicht so viel kommt. Der beste Nachwuchsspieler ist 17, Sascha 28 – das heißt, elf Jahre liegen dazwischen. Es gibt noch Altmaier, Struff, ein paar andere. Aber nicht zwingend absolut Weltspitze – und das ist nicht nur Aufgabe des DTB. Das ist auch ein Generationsproblem. Die heutige Generation sieht das Leben etwas anders. Es geht oft um Wohlfühloasen, es soll nett sein. Damit gewinnst du aber kein Tennismatch. Das ist nicht nur ein Tennisproblem, das gibt’s in anderen Sportarten und vielleicht auch in der Gesellschaft. Auf dem Centre Court zählt: Wer ist tougher? Wer kann besser mit Schmerzen umgehen? Es klingt jetzt alles so brutal aber so ist es leider – die Realität.
Frage: Sascha Zverev ist Nummer zwei der Welt – bekommt er deiner Meinung nach genug Anerkennung in Deutschland?
Becker: Er ist schon seit Jahren absolute Klasse, hat hier in Hamburg auch schon gewonnen. Ich merke, dass er auf den deutschen Turnieren den Respekt bekommt, den er verdient. Ich bin überzeugt, dass heute um 16 Uhr der Platz voll sein wird. Aber Stars und Deutschland – das ist ein schwieriges Thema. Oft merkt man erst, was man hatte, wenn es zu spät ist. Ich war bei der Trauerfeier von Franz Beckenbauer – da wurde vielen klar: Der Kaiser ist weg. Sascha ist ein absoluter Superstar auf der ganzen Welt – und zum Glück kommt er aus Deutschland, aus Hamburg.
Frage: Er hat den ganz großen Titel – einen Grand Slam – noch nicht gewonnen. Du hast ihn mit 17 geholt. War das für dich damals genau richtig?
Becker: Grundsätzlich: Wenn du es als Bürde empfindest, einen Grand Slam zu gewinnen, wirst du nie einen holen. Es muss dir Freude machen, ein Privileg sein, überhaupt im Finale zu stehen. Bei mir war’s im Nachhinein zu früh. Mit 17 kannst du das noch nicht verarbeiten. Die Umarmung in Deutschland war manchmal zu fest – ich hab keine Luft mehr bekommen. Ich musste mich teilweise verstecken und mehr im Ausland verbringen, als mir lieb war. Aber lieber zu früh als nie. Vielleicht wäre es besser gewesen, den ersten großen Titel mit Anfang 20 zu holen. Dann wäre meine Karriere vielleicht sogar noch erfolgreicher gewesen.
Frage: Lass uns noch kurz auf das aktuelle Herrentennis schauen. Es gibt ja so drei Gruppen: Djokovic, dann Zverevs Generation – und die jungen Wilden. Wie siehst du die Situation?
Becker: Ich dachte, nach den großen Drei – Federer, Nadal, Djokovic – würde der Boom nachlassen. Aber ich lag falsch. Dank Alcaraz, Sinner, aber auch Zverev boomt Tennis wieder weltweit. Es ist der drittpopulärste Sport der Welt – das vergisst man manchmal. Jetzt gibt’s noch eine jüngere Generation – alle 19, 20. Da ist viel los im Tennis. Mehr Persönlichkeiten, mehr gute Spieler – das ist gut für den Sport. Und Sascha ist mittendrin.
Frage: Wir haben jetzt viel besprochen, aber wir wollen zum Schluss noch kurz auf das Damentennis schauen. Boris, gibt es eine Spielerin, der du besonders gerne zuschaust, weil sie vielleicht auch anders ist als andere? Welche Spielerinnen hast du auf dem Schirm? Und wie bewertest du die aktuelle Situation im Damentennis?
Becker: Die besten Spielerinnen der Welt verdienen bei den großen Turnieren genauso viel Preisgeld wie die Herren – und ich will dafür gerne mal einen Applaus von den Frauen hören. Das ist im Fußball, im Basketball und in fast jeder anderen Sportart anders. Tennis geht da beispielhaft voran, weil die Damen sich auch wirklich sehen lassen. Da wird tolles Tennis gespielt. Vielleicht ist die Klassenbeste Aryna Sabalenka. Aber auch eine Coco Gauff kann sich sehen lassen, eine Iga Świątek – wie sie alle heißen. Das sind alles hervorragende Sportlerinnen, und sie haben weltweit einen unglaublich hohen Stellenwert. Und ja, da bin ich auch schon ein bisschen stolz, dass Tennis da Vorreiter ist – dass man uns alle gleich behandelt.
Frage: Zum Schluss noch die obligatorische Frage: Deine Tipps für das, was jetzt ansteht. Erst mal: Bitpanda Hamburg Open – würdest du dich zu einem Tipp hinreißen lassen, wer das Turnier gewinnt? Und dann natürlich: Was steht bei dir als Nächstes an? Du bist ja wieder für Eurosport im Einsatz – erst in München, dann in Paris. Wagst du einen Blick nach vorne?
Becker: Ich glaube, hier in Hamburg ist der Topfavorit auch der Publikumsliebling – Sascha Zverev. Und von mir aus kann er das Turnier auch gewinnen, ich hätte da gar nichts dagegen (schmunzelt). Man muss natürlich schauen, wo ihn die Füße hintragen. Die French Open in Paris gehen ja auch schon am Sonntag los. Die erste Runde wird ausgelost, dann wird bis Mittwoch gespielt. Wenn er hier in Hamburg ins Finale kommt, hätte er noch zwei freie Tage, um sich zu erholen. Letztes Jahr war er in Paris im Finale – das muss wieder das Ziel sein. Damals hat er gegen Alcaraz verloren. Der legt heute die Füße hoch, und sein Kollege Sinner spielt heute weniger. Aber Sascha wollte dieses Turnier in Hamburg noch spielen, wollte noch ein paar Matches machen, noch ein bisschen Positivität sammeln – in seiner Heimatstadt. Und das versteh ich auch. Wenn dann die Auslosung für Paris kommt, werden die Karten neu gemischt. Es ist wichtig, in welchem Viertel und in welcher Hälfte er landet. In Paris ist er an Nummer drei gesetzt – also entweder in der Hälfte von Alcaraz oder Sinner. Das kann man heute noch nicht genau sagen. Aber eines ist sicher: Er ist auf jeden Fall einer der Turnierfavoriten.